Sonntag, 19. August 2018

CGM 447, FOL. 34 v-37 v: VOM BESCHAUENDEN LEBEN (Teil 1)

1) Der CGM 447 enthält u.a. Auszüge aus Jan van Leeuwen, Seuse, Tauler. Herkunft: Rebdorf, 223 Blatt, Ende 15. Jh.; auch: Eichstätt, Cod. 5 (S ?) Walb. germ. 7, 115 r-120 r.
Unter Punkt 10 befindet sich eine kurze Abhandlung über das beschauliche Leben.
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fol. 34 v-35 r: Wenn man ein beschauendes Leben führen will, so muß man sich vor Sünden bewahren "und alle werntliche (=weltlichen) ding und sach unter dye füsß treten" (=svw. in den Staub treten, verachten) und nur sein Heil bei Gott suchen. Es gibt zwei Arten der vita contemplativa: "so ist eyn beschauend leben zwayerlay das ain ist groß das ander clayne in dem grossen beschauet man got und sein weßen jn dem claynen beschaut man die werck gottes". Bei der "claynen beschawung (w lies u!) lobt man Gott "und dann betrachtest das firmament des hymels wye höhe wy clare wye schöne sün mone sterne planeten und all yrer lauf clarhait macht tugent und freyhayt wye schicklichen sye auf und nider gen vor und nach der sunnen eynn yeglichs so als es geordenirt ist und das sein nit ubertrit" (man soll also das Firmament und den Himmel betrachten, wie hoch, klar (hell) und schön Sonne, Mond und Sterne sowie Planeten sind und die Helligkeit, Macht, Trefflichkeit ihres Laufes (ihrer Bahn; denkbar auch: die Betrachtung des Himmel bewirkt Klarheit, Tugend, Freiheit), wie schön sie auf und niedergehen (untergehen), vor und nach der Sonne, jeder so, wie es angeordnet ist, ohne daß eines davon seine Bahn verläßt). Dann soll man sich die Luft ansehen "mit maynigerlay
fol. 35 v: fögeln der ey yeglicher seyne aygene farbe und natur hat das wasser mit maynigerlay vische grosß und clayne dar nach dye erden mit maniger hand tyren und haymlichen maynigerlay paümen kreutter und frucht..." (also die Vögel der Luft, von denen jeder seine eigene Farbe und Natur hat, das Wasser mit mancherlei Fischen, groß und klein, danach die Erde mit allerhand Tieren und verborgenen Bäumen, Kräutern und Früchten...). Sodann betrachte man das Gold, Silber, die Edelsteine in der Erde, die Erzengel, Engel, die Natur des Menschen etc. "und wye er geüallen ist" (in Sünde gefallen ist). Außerdem "wye den menschen dye yn-?- dißem sterblichen leben sint gegeben das sye mit den augen irer verstentniß beschauen mögen den spyegel des hymlischen garten und der aller heyligsten junckfrau marie..." (daß also dem Menschen in seinem sterblichen Leben gegeben ist, mit der Vernunft das Spiegelbild des Himmelsgarten und von Maria zu sehen).
36 r: Man erhebe auch die Augen zu den Werken Gottes,-es folgt nun ein Lob und eine Wesensbeschreibung Gottes- der ewig, allmächtig, barmherzig, gedultig, milde und gut ist, der in allen Dingen ist, wie alle Dinge in ihm und aus ihm sind, der die Weisheit, Tugend, Ewigkeit, das höchste Gut ist, der alle Dinge weiß, bevor sie geschehen ("der alle ding waysß ee sy geschehen und geschehen sint") etc. Gott sei unbewegt, bewege aber alle Dinge ("wye er on beweglich ist und bewe- (fol. 36 v)-get alle ding"). Seine Trinität: ("wye drey person sind und doch ayn got ist"). Dann soll man noch betrachten, was die drei Personen Gottes für unser Heil getan haben ("und was sy samentlichen (=zusammen, insgesamt) und besunder (=besonders; im besonderen) umb unserß hayles willen haben gethon").
Die Contemplatio geschieht auf dreierlei Weise ("diße beschauung geschicht yn dreyerlay weyß dye eyne mit den augen des gemütz (hertzen) dy ander mit aufhebung des hertzen dy drit mit verwandlung und verzuckung des hertzen" (mit dem Gemüt/ Herzen, mit Erhebung des Herzens, mit innerer Wandlung und Verzückung).
Den Trost des heiligen Geistes bekommen wir nicht,"dye weyl wir den trost der außwendigen dingen süchen" (weil wir in äußeren Dingen Trost suchen). Wer aber diese Betrachtung hat, ist Gott nahe ("und wem (wen?) diße beschauung geschehen mügen dye sullen wisßen das sy got nahent sind"). Erhält man diese Gnade, soll man das nicht seinem eigenen Verdienst zuschreiben ("der soll ym sye nit zu schreiben als ob er dye auß aygen verdyenst hab").
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