Der Novizentraktat für Nonnen der KATHARINA EDERIN
Der Kodex Freiburg HS 219 ist ein Gebets-und Andachtsbuch, das von sechs Händen geschrieben wurde. Die Schriftart ist eine sog. Bastarda, die 2. Hand ist schwäbisch, die 3.-6. oberrheinisch. Die Provenienz des Kodex ist die Benediktinerabtei St. Peter im Schwarzwald. Die Sammelhandschrift enthält auf den Seiten 9 r-20 v u. 22 r-33 v einen Traktat für Novizinnen, eine Art Handbuch für (junge) Nonnen, die ins Kloster eingetreten sind. Die Schrift des Novizentraktats wurde 1505 beendet und möglicherweise von Schwester Katharina Ederin verfaßt. Vorlage ist ein weiterer Traktat des DAVID VON AUGSBURG, der von Katharina Ederin bearbeitet wurde. Katharina war eine Nonne des Freiburger Dominikanerinnenklosters St. Maria Magdalena.
Das Abschreiben und Lesen religiöser Abhandlungen wurde als fromme sowie asketische Bußübung angesehen. Dazu paßt gut, daß man den Text immer wieder lesen soll!
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Samstag, 11. August 2018
Freitag, 10. August 2018
CGM 800, "VON MÜHEN UND PLAGEN", fol. 210 r-v (Schluß)
210 r: Doch der Teufel ist zu euch herabgestiegen mit großem Neid und Zorn. Er ist der erste und letzte Räuber (Nachsteller), der den Tod in die Welt geschafft hat ("der den tod in die welt hat pracht"). Er ist voll feindseliger List, so daß man sein Umgehen nicht leicht bemerkt ("allso daz man den umbgang seiner wer (=irgendwer; jemand ?) nicht leicht begreifen mag"). Dazu PAULUS: Ich unseliger Mensch, wer erlöst mich vom Tod des Körpers etc. Paulus spricht, daß er nicht versteht, was er wirke, und daß er nichts ohne Sünde wirke, weiter, daß er wisse, daß in seinem Fleisch nichts Gutes wohne und daß, obwohl der Wille des Guten bei ihm sei, er das Gute dennoch nicht finde, daß die Sünde in ihm wohne etc.
Es folgt ein Lob des geistlichen Bundes. Da nun das gegenwärtige Leben so voller Übel ist, so sollen wir uns mit ganzem Herzen zu Gott kehren und nach einem seligen Ende trachten.
Explicit: "hie vindt ir ler und nucze untterweissung davon ir guette ding begreifen mügt", d.h. daß man hier Lehre und nützliche Unterweisung findet, durch die man gute Dinge lernt und begreift, was gut ist (und folglich, was nicht).-
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FINIS
Es folgt ein Lob des geistlichen Bundes. Da nun das gegenwärtige Leben so voller Übel ist, so sollen wir uns mit ganzem Herzen zu Gott kehren und nach einem seligen Ende trachten.
Explicit: "hie vindt ir ler und nucze untterweissung davon ir guette ding begreifen mügt", d.h. daß man hier Lehre und nützliche Unterweisung findet, durch die man gute Dinge lernt und begreift, was gut ist (und folglich, was nicht).-
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FINIS
CGM 800, "VON MÜHEN UND PLAGEN", fol. 209 r-v
209 r:...wegen ihres guten Lebenswandel und wollen, anstatt ihnen nachzufolgen, das Verkehrte. Die Tage unseres Lebens gehen dahin, wo wir mit keiner Gottesfurcht und rechter Reue leben,wodurch uns die Sünden vergeben werden und wir hinfort ohne solche sein würden. Auch die Sicherheit des ewigen Lebens haben wir nicht, sondern wir stehen zwischen Furcht und Hoffnung. Auch vertrauen wir anderen Geheimnisse an, die dann zu unserem Schaden anderen gesagt werden und die dann auch noch manchmal mehr als die Wahrheit enthalten. Also spricht AUGUSTINUS: Was ist der Mensch anderes als ein Faß der Sünden, eine Speise der Würmer und ein Ort der Unseligkeit, ein Sohn des Zorns Gottes, der zu Schande geboren ist und in Unseligkeit lebt und in Ängsten stirbt und nicht weiß, ob dies in Liebe oder Haß geschieht. Je länger unser Leben andauert, desto kürzer ist die Zeit, in der es noch ist. Verläuft es angenehm, so nähert es sich dennoch dem Tode. Oft erscheint uns unser Leben selig, gut und licht, in Wirklichkeit ist es aber unselig, bös und finster. Überdies kommt dann der unsichtbare (verborgene) Tod, der uns in mancherlei Weise angreift. Den einen verbrennt das Feuer, den anderen ertränkt das Wasser, den verdirbt das Schwert, den der Strick, den ein wildes Tier; viele töten sich auch vor der rechten Zeit selber, indem sie "überessen" oder zu viel trinken.
209 v: Dies geschieht durch den Feind des menschlichen Geschlechts "von dem grossen tracken" (=Drache, Teufel) und von dem rat der allten slangen der sathanas der teuffell haist der siben haubt und zechen (=10) oren hat der ain betrieger ist das (des ?) grossen mers (=Mehrheit) der welt dar inn an zal vill chriechender thier sind daz ist manigerlay teuflich geschlecht die tag und nacht nicht anders thuen dann wie sy uns betriegen und sueß und genäm machen die fleischlichen lüst da mit sy unser sel vahen (=fangen) wann sy wachen allzeit an (=ohne) schlaff und richten strick unsern fuessen daz ist unserm leben so vil da sy nyemant zelen mag und überlegen alle unsere weg und steig in verporgner weiß zw vahen unser sel sy richten uns necz in essen und trincken in sclaffen in wachen in sehen in hören in reden in sweigen in den wercken unsers fleisch die man ettwan sechen und erkennen mag sunder auch in geistlicher übung...".-Je nach Ort, Zeit, Natur, Neigung, Stand, Amt, Dingen, die man liebt, geht der Teufel anders vor ("wann dar umb daz der teuflisch track die allt schlang mit seinen engeln ist verworffen worden von der wollust des paradiß". Dadurch daß der Teufel vom Himmel in die Hölle geworfen wurde, hört er auf, die Kinder Gottes zu hindern, die Stätte zu besitzen, von der er herabgeworfen wurde. Zitat aus der SCHRIFT: "erfrewt euch...wann der versager unser prueder ist verworffen".
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209 v: Dies geschieht durch den Feind des menschlichen Geschlechts "von dem grossen tracken" (=Drache, Teufel) und von dem rat der allten slangen der sathanas der teuffell haist der siben haubt und zechen (=10) oren hat der ain betrieger ist das (des ?) grossen mers (=Mehrheit) der welt dar inn an zal vill chriechender thier sind daz ist manigerlay teuflich geschlecht die tag und nacht nicht anders thuen dann wie sy uns betriegen und sueß und genäm machen die fleischlichen lüst da mit sy unser sel vahen (=fangen) wann sy wachen allzeit an (=ohne) schlaff und richten strick unsern fuessen daz ist unserm leben so vil da sy nyemant zelen mag und überlegen alle unsere weg und steig in verporgner weiß zw vahen unser sel sy richten uns necz in essen und trincken in sclaffen in wachen in sehen in hören in reden in sweigen in den wercken unsers fleisch die man ettwan sechen und erkennen mag sunder auch in geistlicher übung...".-Je nach Ort, Zeit, Natur, Neigung, Stand, Amt, Dingen, die man liebt, geht der Teufel anders vor ("wann dar umb daz der teuflisch track die allt schlang mit seinen engeln ist verworffen worden von der wollust des paradiß". Dadurch daß der Teufel vom Himmel in die Hölle geworfen wurde, hört er auf, die Kinder Gottes zu hindern, die Stätte zu besitzen, von der er herabgeworfen wurde. Zitat aus der SCHRIFT: "erfrewt euch...wann der versager unser prueder ist verworffen".
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CGM 800, "VON MÜHEN UND PLAGEN", fol. 208 r-v
208 r:...verdirbt für die rechte Bescheidenheit, die eine Mutter des Heils ist. Und so tun wir oft töricht Dinge zu unserem Schaden und darüber hinaus ist durch unseren Eigenwillen ein steter Streit zwischen Geist und Körper, zwischen Körper und Vernunft, zwischen Fleisch und Seele in uns ("allso daz der geist albeg wider den leichnam ist und das fleisch wider die sel und die sündlikait die vernunftt als wir es täglichen wol entpfinden wie gar voller prechen und kranckhait wir sein").
Niemand ist lange ohne Krankheit "wann es thuen uns ettwan die augen wee oder die zeen oder uns smerzen die oren oder die naßlöcher oder und (?;=auch; pleonastisch?) thuet das haubt wee oder der magen oder die lentt oder die seiten oder der ruck oder die fueß oder die arm oder die prüst wir wern auch ettwan gehindert an den zwayen stetten unseres natürlichen täglichen außgangs davon man offt groß leiden tragen mueß uns peinigen auch offt geswer auß drieß plater (Plattern) und andere sölliche ding allso peinigt uns auch offt hunger durst und der sclaff in dem wir ettwan von natürlicher hicz und von des teuffels anweigung (=Angriff) zw pöser gestalt und unsauber ding angefochten werden wir sein auch ettwan swär und verdrossen ettwan unmuotig und zornig und manigerlay weiß entprist unß albeg (=bricht aus uns heraus) von hüsten und snarchen und von außwerffung des munds und peinigen auch ettwan haimliche ding des pluets da von wir an manigen steten iucken müessen..."
208 v: Hinzu kommt (als ob das nicht alles schon genug wäre) "unser aigne snöde unsau (208 v)brikait da mit wir umb geben sein und eingewickelt im sack unser aigen haut".
Sieben Ausgänge haben wir am Kopf und zwei unten, wo nichts als Unsauberkeit herauskommt. Der Mensch besteht aus Eiter und unsauberer Materie, entsprechend ist auch die Empfängnis ("wer die ding recht gedächt het mer ursach zw wainen dann zu lachen und mer die müetig zw sein dann hochvertig seidt (=zumal) der mensch noch (=nach) dem leichnam nicht anderst ist dann ain aß der würm" (=Aas für die Würmer). Der Mensch: ein Madensack und Fressen für die Würmer! Auch mit unserem Gedächtnis und der Seele ist es nicht weit her: wir behalten mehr eitle Dinge (s. Werbung und der ganze Blödsinn im Fernsehprogramm) als nützliche, und die Seele ist voller geistlicher Gebrechen. Unser Verständnis, gute Dinge zu lernen, ist hart und grob (s. auch meine unwürdigen Schüler!).
Was wir mit Mühe und Arbeit begreifen, das vergessen wir bald wieder. Und unser Wille zu guten Dingen ist träge, aber schnell bei den bösen. So werden wir "mit vil vorcht und erschrecken und trawrigkait gepeinigt". Unser Herz ist voller unnützer Gedanken, die sich bald hierhin, bald dorthin wenden, so daß man im Menschen keinen steten und dauerhaften Sinn findet. Oft werden wir zu Gutem vermahnt, doch bevor wir die Mahnung recht verstehen und zu unserem Nutzen anwenden, ist es schon zu spät. Wir werden auch oft dazu bewegt, gegen andere gehässig zu sein,...
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Niemand ist lange ohne Krankheit "wann es thuen uns ettwan die augen wee oder die zeen oder uns smerzen die oren oder die naßlöcher oder und (?;=auch; pleonastisch?) thuet das haubt wee oder der magen oder die lentt oder die seiten oder der ruck oder die fueß oder die arm oder die prüst wir wern auch ettwan gehindert an den zwayen stetten unseres natürlichen täglichen außgangs davon man offt groß leiden tragen mueß uns peinigen auch offt geswer auß drieß plater (Plattern) und andere sölliche ding allso peinigt uns auch offt hunger durst und der sclaff in dem wir ettwan von natürlicher hicz und von des teuffels anweigung (=Angriff) zw pöser gestalt und unsauber ding angefochten werden wir sein auch ettwan swär und verdrossen ettwan unmuotig und zornig und manigerlay weiß entprist unß albeg (=bricht aus uns heraus) von hüsten und snarchen und von außwerffung des munds und peinigen auch ettwan haimliche ding des pluets da von wir an manigen steten iucken müessen..."
208 v: Hinzu kommt (als ob das nicht alles schon genug wäre) "unser aigne snöde unsau (208 v)brikait da mit wir umb geben sein und eingewickelt im sack unser aigen haut".
Sieben Ausgänge haben wir am Kopf und zwei unten, wo nichts als Unsauberkeit herauskommt. Der Mensch besteht aus Eiter und unsauberer Materie, entsprechend ist auch die Empfängnis ("wer die ding recht gedächt het mer ursach zw wainen dann zu lachen und mer die müetig zw sein dann hochvertig seidt (=zumal) der mensch noch (=nach) dem leichnam nicht anderst ist dann ain aß der würm" (=Aas für die Würmer). Der Mensch: ein Madensack und Fressen für die Würmer! Auch mit unserem Gedächtnis und der Seele ist es nicht weit her: wir behalten mehr eitle Dinge (s. Werbung und der ganze Blödsinn im Fernsehprogramm) als nützliche, und die Seele ist voller geistlicher Gebrechen. Unser Verständnis, gute Dinge zu lernen, ist hart und grob (s. auch meine unwürdigen Schüler!).
Was wir mit Mühe und Arbeit begreifen, das vergessen wir bald wieder. Und unser Wille zu guten Dingen ist träge, aber schnell bei den bösen. So werden wir "mit vil vorcht und erschrecken und trawrigkait gepeinigt". Unser Herz ist voller unnützer Gedanken, die sich bald hierhin, bald dorthin wenden, so daß man im Menschen keinen steten und dauerhaften Sinn findet. Oft werden wir zu Gutem vermahnt, doch bevor wir die Mahnung recht verstehen und zu unserem Nutzen anwenden, ist es schon zu spät. Wir werden auch oft dazu bewegt, gegen andere gehässig zu sein,...
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CGM 800: "VON MÜHEN UND PLAGEN", fol. 207 r-v
...Arbeit ("wir wern auch peinigt in unsern (207r) aigen arbait die uns offt saur wirt"). Auch fallen uns Dinge aus den Händen und wir beschmutzen sie gegen unseren Willen oder wir verlegen sie und suchen oft an der falschen Stelle und fluchen dann. Oft suchen wir auch etwas, was wir in der Hand haben. Auch wollen wir oft etwas holen und wenn wir an dem Platz angekommen sind, so wissen wir nicht mehr, was wir überhaupt wollten. Des weiteren versprechen wir einem etwas, was wir schon längst weggegeben haben. Weiterhin wollen wir oft etwas Nützliches tun, und es klappt nicht. Auch glauben wir, etwas gewiß zu haben, das dann aber ein anderer bekommt, der nicht daran gedacht hätte, es zu bekommen. Wir sind oft auch blind mit offenen (sehenden) Augen, so daß wir bös für gut halten. Auch beim Hören werden wir betrogen und vernehmen das Wort eines anderen nicht recht und halten schwarz für weiß.
207 v: Oder blau für rot wie z.B. ein Mann, der jemanden beauftragte Zwiebel zu kaufen,der dann aber Stiefel kaufte (im Frühneuhochdeutschen ähneln sich die beiden Wörter noch mehr: mhd. zwivel-stivel; frühnhdt: zwiffel-stiffel. Auch sagen wir oft etwas Ungewisses für etwas Gewisses und halten Lüge für Wahrheit, bös für gut. Dies kommt von dem Gebrechen unserer Unweisheit. Im guten Glauben nehmen wir auch Arznei und werden davon nur noch kränker. Auch täuscht sich ein Arzt oft ("so wirt er doch offt an des krancken natur betrogen"), so daß er uns die falsche Therapie verpaßt ("und in der maß chumbt ettwan der tod für das leben und die kranckait für das gesundt"). Obwohl sich mancher Arzt für fähig hält, ist der Patient hinterher nur noch kränker. Darum spricht der Heilige BERNHARD: Hüte dich vor dem Arzt, der in seiner Kunst nicht bewährt ist und an dir lernen will ("huet dich vor dem arczt der in seiner kunst nit bewärt ist und an dir lernen will wie er andere von söllichen prechen soll gesundt machen"; an dem Tag, als ich dies entzifferte, bin ich bei einem Assistenzarzt gelandet; die Bedenken waren berechtigt!). Oft geht auch die Behandlung völlig schief ("so chumpt es wol dar zw (lies: zu) ee er es verpringt daz man es mueß abprechen oder so es nun volpracht wird chürczlich uber ain hauffen get"). Ebenso unterzieht sich auch mancher höchster Tugend und strengstem Leben, das über seine Kräfte geht (der Weg zur Hölle ist ja bekanntlich mit guten Vorsätzen geplastert), womit er sich...
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207 v: Oder blau für rot wie z.B. ein Mann, der jemanden beauftragte Zwiebel zu kaufen,der dann aber Stiefel kaufte (im Frühneuhochdeutschen ähneln sich die beiden Wörter noch mehr: mhd. zwivel-stivel; frühnhdt: zwiffel-stiffel. Auch sagen wir oft etwas Ungewisses für etwas Gewisses und halten Lüge für Wahrheit, bös für gut. Dies kommt von dem Gebrechen unserer Unweisheit. Im guten Glauben nehmen wir auch Arznei und werden davon nur noch kränker. Auch täuscht sich ein Arzt oft ("so wirt er doch offt an des krancken natur betrogen"), so daß er uns die falsche Therapie verpaßt ("und in der maß chumbt ettwan der tod für das leben und die kranckait für das gesundt"). Obwohl sich mancher Arzt für fähig hält, ist der Patient hinterher nur noch kränker. Darum spricht der Heilige BERNHARD: Hüte dich vor dem Arzt, der in seiner Kunst nicht bewährt ist und an dir lernen will ("huet dich vor dem arczt der in seiner kunst nit bewärt ist und an dir lernen will wie er andere von söllichen prechen soll gesundt machen"; an dem Tag, als ich dies entzifferte, bin ich bei einem Assistenzarzt gelandet; die Bedenken waren berechtigt!). Oft geht auch die Behandlung völlig schief ("so chumpt es wol dar zw (lies: zu) ee er es verpringt daz man es mueß abprechen oder so es nun volpracht wird chürczlich uber ain hauffen get"). Ebenso unterzieht sich auch mancher höchster Tugend und strengstem Leben, das über seine Kräfte geht (der Weg zur Hölle ist ja bekanntlich mit guten Vorsätzen geplastert), womit er sich...
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CGM 800: "VON MÜHEN UND PLAGEN"; fol. 206 r-v
206 r: Ziel und Zweck der Schrift ist: a) Anfechtungen und Widerwärtigkeiten williger, d.h. besser, zu erdulden, b) alle Dinge, die gegen Gott sind verschmähen.
Dies ist der Grund, warum die Verfasserin der Abhandlung über das Übel schreibt, das täglich Seele und Leib befällt. Die Ursache des Übels ist der Ungehorsam von Adam und Eva.
Zuerst soll man wissen, daß das Leben hienieden nur eine kurze Zeit währt. Zitate von AMBROSIUS und HIOB. Der Mensch lebt eine kurze Zeit und wird mit viel Jammer erfüllt. Sobald wir geboren sind, fangen wir eher an zu weinen als zu lachen. Vom selben Tag an können wir nicht ohne Sünde sein (Leben=Sich-schuldig-machen). Wir werden im Fluch der Sünde geboren. Lebt einer lange, so wird er 70 oder 80 oder nicht viel darüber. Hundert mal mehr sterben aber vorher, keiner weiß, wann oder wie.
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206 v: Wenn man die künftige Pein mit Sünden mehr vermehrt als vermindert, dann ist dies ein großes Übel. Hat das Leben alle Dinge, die hier als gut geschätzt werden, wie Stärke, Reichtum, Macht ("und ander solliche ding die zergäncklich und unpeleiblich sind") , so sind sie in Wirklichkeit wie eine schöne Blume, die heute blüht und morgen verdorrt ist. So steht es auch um die Ungewißheit unseres Lebens und um alle anderen Dinge, über die wir uns hier freuen, die sich aber über Nacht von Lust und fröhlichen zu traurigen verkehren können. Das Leben hat viel Sorge (s. auch Heidegger!), Mühe, Arbeit (s. auch Schopenhauer: Leben=Pensum, zum Abarbeiten) und Elend an sich, womit sich gemeinhin alle herumschlagen müssen, nicht nur die einfachen Leute, sondern auch Könige, Fürsten, geistliche wie weltliche Obere. Sie alle müssen große Sorge, Mühe und Arbeit haben, gemäß ihrem Stand recht und auf Gott ausgerichtet zu leben, wollen sie künftiger Pein überhoben sein, denn viele Dinge können tödlich sein, die einem schlechten Menschen läßlich erscheinen. Daher gibt es niemanden, von den Obersten bis zu den Niedrigsten, der ohne Sorge sein Leben in Ruhe haben kann. Ergo ist das Leben unsicher, unfriedlich, voller Unruhe und Anfechtung, womit einer den anderen bekümmert und treibt (vgl. Schopenhauer: einer des anderen Teufel!). Selbst kleine Insekten und Parasiten setzen uns zu ("wir haben auch laiden von clainen tierlein und von würmlein die an uns chumen oder an uns wachsczen die uns peinigen und peissen"). Auch das Klima macht uns zu schaffen ("frost hicz regen schnee und windt doner plicz und schaur") und die...
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Dies ist der Grund, warum die Verfasserin der Abhandlung über das Übel schreibt, das täglich Seele und Leib befällt. Die Ursache des Übels ist der Ungehorsam von Adam und Eva.
Zuerst soll man wissen, daß das Leben hienieden nur eine kurze Zeit währt. Zitate von AMBROSIUS und HIOB. Der Mensch lebt eine kurze Zeit und wird mit viel Jammer erfüllt. Sobald wir geboren sind, fangen wir eher an zu weinen als zu lachen. Vom selben Tag an können wir nicht ohne Sünde sein (Leben=Sich-schuldig-machen). Wir werden im Fluch der Sünde geboren. Lebt einer lange, so wird er 70 oder 80 oder nicht viel darüber. Hundert mal mehr sterben aber vorher, keiner weiß, wann oder wie.
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206 v: Wenn man die künftige Pein mit Sünden mehr vermehrt als vermindert, dann ist dies ein großes Übel. Hat das Leben alle Dinge, die hier als gut geschätzt werden, wie Stärke, Reichtum, Macht ("und ander solliche ding die zergäncklich und unpeleiblich sind") , so sind sie in Wirklichkeit wie eine schöne Blume, die heute blüht und morgen verdorrt ist. So steht es auch um die Ungewißheit unseres Lebens und um alle anderen Dinge, über die wir uns hier freuen, die sich aber über Nacht von Lust und fröhlichen zu traurigen verkehren können. Das Leben hat viel Sorge (s. auch Heidegger!), Mühe, Arbeit (s. auch Schopenhauer: Leben=Pensum, zum Abarbeiten) und Elend an sich, womit sich gemeinhin alle herumschlagen müssen, nicht nur die einfachen Leute, sondern auch Könige, Fürsten, geistliche wie weltliche Obere. Sie alle müssen große Sorge, Mühe und Arbeit haben, gemäß ihrem Stand recht und auf Gott ausgerichtet zu leben, wollen sie künftiger Pein überhoben sein, denn viele Dinge können tödlich sein, die einem schlechten Menschen läßlich erscheinen. Daher gibt es niemanden, von den Obersten bis zu den Niedrigsten, der ohne Sorge sein Leben in Ruhe haben kann. Ergo ist das Leben unsicher, unfriedlich, voller Unruhe und Anfechtung, womit einer den anderen bekümmert und treibt (vgl. Schopenhauer: einer des anderen Teufel!). Selbst kleine Insekten und Parasiten setzen uns zu ("wir haben auch laiden von clainen tierlein und von würmlein die an uns chumen oder an uns wachsczen die uns peinigen und peissen"). Auch das Klima macht uns zu schaffen ("frost hicz regen schnee und windt doner plicz und schaur") und die...
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CGM 800, FOL. 206 r-210 v: VON DEN TÄGLICHEN MÜHEN UND PLAGEN DES MENSCHLICHEN LEBENS
Der Codex germanicus monacensis 800 (=CGM 800) der bairischen Staatsbibliothek ist eine Sammlung von Handschriften des Klosters NEUBURG a. d. Donau aus dem Jahre 1501. Es findet sich darin der Vermerk "Kühbach". Dies bezieht sich darauf, daß die Nonnen 1554 nach Aufhebung ihres Klosters nach Kühbach gingen.
Der Kodex hat einen Umfang von 224 Blatt. Der Schrifttyp ist eine sog. Bastarda zweier Hände: 20r-70v; 87v-220 v=SR (=Schwester) JULIANA WIELANDIN und 70v-87r. Der Dialekt ist mittelbairisch. Auftraggeberin ist ANNA GURR (das puech lat lassen schriben die erwirdig in got fraw fraw (sic!) ANNA GÜRRIN abbtissin des wirdigen goczhauß zw Newburg und ist vollendet worden martres anno domini XVe (?) und im ersten jar (=1501)). Anna Gurr war bis 1509 Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Neuburg an der Donau und starb 1507. Inhalt des Kodex: u.a. Auslegung der Benediktinerregel, Exzerpte aus Johannes von Indersdorf, der Traktat "Von den täglichen Mühen und Plagen des menschlichen Lebens", Lehre vom rechten Klosterleben.
Die wenig beachtete Schrift "Von den Mühen und Plagen" enthält eine Reihe erbaulicher Gedanken über die "conditio humana" (Kürze und Elend des menschlichen Lebens.
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Der Kodex hat einen Umfang von 224 Blatt. Der Schrifttyp ist eine sog. Bastarda zweier Hände: 20r-70v; 87v-220 v=SR (=Schwester) JULIANA WIELANDIN und 70v-87r. Der Dialekt ist mittelbairisch. Auftraggeberin ist ANNA GURR (das puech lat lassen schriben die erwirdig in got fraw fraw (sic!) ANNA GÜRRIN abbtissin des wirdigen goczhauß zw Newburg und ist vollendet worden martres anno domini XVe (?) und im ersten jar (=1501)). Anna Gurr war bis 1509 Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Neuburg an der Donau und starb 1507. Inhalt des Kodex: u.a. Auslegung der Benediktinerregel, Exzerpte aus Johannes von Indersdorf, der Traktat "Von den täglichen Mühen und Plagen des menschlichen Lebens", Lehre vom rechten Klosterleben.
Die wenig beachtete Schrift "Von den Mühen und Plagen" enthält eine Reihe erbaulicher Gedanken über die "conditio humana" (Kürze und Elend des menschlichen Lebens.
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